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Waldorfpädagogik - mehr als nur einen Namen tanzen

Bildung für alle? Anfang des 20. Jahrhunderts galt das noch nicht. Reiche Kinder wurden zu Hause unterrichtet, während ärmere in überfüllten Volksschulen lernten. Emil Molt, Leiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, wollte das ändern. Schule sollte ein Ort sein, an dem alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und mitgebrachten Stärken lernen konnten. Im Jahr 1919 bat er Rudolf Steiner darum, genauso einen Ort für die Kinder seiner Angestellten zu schaffen. Bereits vier Monate später füllten sich die Klassenzimmer der ersten Waldorfschule.

Von Stuttgart um die ganze Welt

Was damals mit nur 256 Kindern in Stuttgart begann, ist heute eine weltweit anerkannte Schulform. Eltern versprechen sich von der Waldorfschule Entschleunigung, kreativeren Unterricht und wenig Leistungsdruck.

Aber was genau ist eine Waldorfschule? 

Die einfache Antwort: Eine Waldorfschule ist eine Privatschule, an der nach der Waldorfpädagogik unterrichtet wird. Die Waldorfpädagogik richtet sich wiederum nach den anthroposophischen Ansichten Rudolf Steiners.

Das pädagogische Prinzip der Waldorfschule setzt sich dabei aus drei Grundpfeilern zusammen. Und zwar aus intellektuell-kognitive Fähigkeiten (dem Denken), künstlerisch-kreative Fähigkeiten – (dem Fühlen) und aus handwerklich-praktische Fähigkeiten (dem Wollen). 

Die Waldorfpädagogik nach Rudolf Steiner

Zugegeben, die Überschrift ist nicht ganz treffend. Wenn man bedenkt, dass die Ansichten Rudolf Steiners nicht nur in der Bildung, sondern auch in Medizin, Landwirtschaft und Kunst gelehrt und praktiziert werden, bekommt man einen kleinen Eindruck davon, wie umfangreich dieses Thema eigentlich sein muss.

Deswegen gibt es an dieser Stelle nur die absolute Lightversion. Im Grunde ist die Anthroposophie eine Weltanschauung.

Unter Weltanschauung versteht Helmut Zander, Professor für Religionsgeschichte, folgendes: „Weltanschauung heißt, es ist ein Versuch, die gesamte Welt zu verstehen.“ Ein Teil dieser Welt ist nun mal die menschliche bzw. kindliche Entwicklung. Diese unterteilt Rudolf Steiner in vier Zyklen, die jeweils sieben Jahre lang sind. An diesen Zyklen, oder auch Jahrsiebten, orientiert sich der Unterricht.

Erstes Jahrsiebt: Im Zeitraum von der Geburt bis ca. 7 Jahre, lernen Kinder vor allem durch Nachahmung. 

Zweites Jahrsiebt: Im Alter von 7 bis 14 Jahren suchen Kinder nach einer Autorität, die ihnen Werte vorgibt. In diesem Alter bilden Kinder nicht nur ihre Fantasie und ein Gedächtnis aus, sondern erlernen auch den Unterschied zwischen Gut und Böse. Klassenlehrer/innen übernehmen in diesem Jahrsiebt eine starke Führungsrolle. Sie verbringen nicht nur in der Schule die meiste Zeit mit den Kindern, sondern sind auch durch Hausbesuche präsent. Da Kinder in dieser Phase vor allem bildlich lernen, verzichtet die Waldorfpädagogik vorwiegend auf Bücher.

Drittes Jahrsiebt: Im Alter von 14 bis 21 Jahren bildet sich die individuelle Persönlichkeit der Jugendlichen aus. Sie lernen abstrakt zu denken und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Viertes Jahrsiebt: Laut Rudolf Steiner ist der Mensch mit 21 Jahren voll entwickelt.

Die Schullaufbahn an einer Waldorfschule

Die meisten Waldis gehen 12 Jahre lang auf die gleiche Schule. Für viele Kinder beginnt jedoch der Bildungsweg bereits im Waldorfkindergarten. Ohne spürbaren Unterschied wechseln die Kinder von dort in die Grundschule und anschließend in die Sekundarstufe I. Nach 12 Schuljahren endet die Waldorfschule. Danach können sich Schüler und Schülerinnen entweder mit ihrem Zeugnis auf einen Job bewerben oder ein 13tes Schuljahr anschließen, um die Schule mit dem Abitur zu beenden. Damit die Abschlüsse vergleichbar sind, orientiert sich das letzte Schuljahr an den Methoden der herkömmlichen Gymnasien.

Der Schulalltag an einer Waldorfschule

Im Alltag gibt es verschiedene Punkte, die sich von den staatlichen Schulen unterscheiden. 

Lernen durch Nachahmung

In den ersten acht Schuljahren sollen sich die Kinder vor allem an ihren Klassenlehrer/innen orientieren. Entsprechend der Entwicklungsstufe in diesem Jahrsiebt unterrichten diese die meisten Fächer. 

Keine Noten

Der Traum jeden Kindes: keine schlaflosen Nächte vor der Zeugnisvergabe, keine Angst vor der Reaktion der Eltern, sondern individuell ausformulierte Bewertungen, in denen neben den Schwächen auch die Stärken betont werden. Für Waldorfschüler und -schülerinnen ist das die Realität. Natürlich schreiben die Kinder in einer Waldorfschule auch Tests und Klassenarbeiten. Diese werden jedoch individuell bewertet. 

Fester Klassenverbund

Die Waldorfschule setzt stark auf Gemeinschaft. Das heißt: Niemand bleibt sitzen. Stattdessen wird durch eine Pädagogik der Förderung dafür gesorgt, dass die Kinder Schwächen ausbessern, aber auch ihre Stärken kennenlernen. Durch den Zusammenhalt können Kinder von ihren Kameraden lernen und sich so verbessern. Gleichzeitig können sich so Freundschaften fürs Leben entwickeln. Ein Kind, das bereits im Waldorfkindergarten beginnt, kennt die meisten seiner Klassenkameraden über 13 Jahre lang. Länger kennt man sonst nur die eigenen Eltern.

Epochenunterricht

Anstatt sich an festen Lehrplänen abzuarbeiten, lernen die Kinder in Waldorfschulen im sogenannten Epochenunterricht. Das bedeutet, dass für mehrere Wochen täglich ein einziges Fach mit einem spezifischen Thema unterrichtet wird. Der Vorteil: die Kinder beschäftigen sich eine Zeit lang intensiv mit einem Thema. Und prägen sich dieses besser ein. Dies geht natürlich nur in Fächern wie Deutsch, Physik oder Mathe. Also Fächer, in denen man seine erworbenen Fähigkeiten nicht ständig üben muss. Fremdsprachen oder Sport werden wie an Regelschulen in normalen Unterrichtsstunden gelernt.

Sachbezogener Unterricht

Mathe, Deutsch oder Physik sind natürlich wichtig. Aber um sich persönlich zu entfalten, müssen Kinder auch andere Fertigkeiten lernen. Diese persönliche Entfaltung findet im künstlerischen Unterricht statt. Fähigkeiten wie Werken oder Töpfern helfen zudem dabei, Stärken jenseits der klassischen Kompetenzen aufzubauen. Anthroposophie wird an Waldorfschulen übrigens nicht gelehrt. Während die Lehrkräfte in ihrer Ausbildung die Grundlagen der Waldorfpädagogik lernen müssen, war Steiner streng dagegen, diese auch an Kinder weiterzugeben.

Finanzierung

Obwohl staatlich anerkannt, müssen die Schulen ständig um ihre Finanzierung kämpfen und kommen somit nicht an einem Schulgeld vorbei. Dabei zahlt jede Familie nur so viel, wie sie sich leisten kann. Wer weniger verdient, zahlt also auch weniger.  

Waldorfschule: Das Kinderlernparadies?

Mit der Waldorfschule wollten Emil Molt und Rudolf Steiner soziale Ungerechtigkeiten des Schulsystems ausgleichen. Unabhängig von der sozialen Herkunft, der Begabung oder der Bildung der Eltern sollten alle jungen Menschen die gleiche Ausbildung erhalten. So wurde die Waldorfschule eine Gesamtschule, die Kinder fördert und sie nicht nach strengen Kriterien aussortiert. Leider wurde aus diesem Wunsch nicht ganz Realität. Der feste Klassenverbund garantiert zwar, dass Kinder nicht durch schlechtere Leistungen sitzen bleiben. Trotzdem zeigt sich, dass die Klassen von Anfang an eher homogen aufgestellt sind.

Laut dem Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich haben etwa 70 % der Waldorf-Eltern selbst Abitur. Viele Kritiker beschäftigt zudem auch die Frage, ob die anthroposophischen Ansichten Rudolf Steiners in dieser Form noch vertretbar seien.

Hinzukommt, dass es in der Waldorfschule weniger um selbstbestimmtes Lernen geht, als viele auf den ersten Blick meinen. Besonders in den ersten acht Schuljahren ginge es vielmehr „um bewusste Führung“ als um Eigenständigkeit. Heiner Ullrich glaubt daher, dass die Waldorfpädagogik schon damals im „Vergleich zur Reformpädagogik etwa von Maria Montessori eher ein konservativer Rückfall“ war.

Gleichzeitig können aber auch Regelschulen von den Waldorf Schulen lernen. Der Epochenunterricht gibt Kindern die Chance, das gelernte besser zu verstehen. Auch die Tatsache, dass die Waldorfschulen viel Wert auf praktische Fähigkeiten legen, ist von Vorteil. So führen die Kinder früh eigene Jahresprojekte wie Theaterstücke durch, lernen Musikinstrumente oder bauen eigene Möbel.

Und neben all dem fachlichen Wissen sind das doch Fähigkeiten, die im Leben auch viel wert sind. Immerhin ist vielen der berühmte Waldi-Hocker auch Jahrzehnte später noch ein stabiler Begleiter.

Foto: Icons 8

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