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Sharenting - Kinderbilder im Netz

Susa feiert heute Geburtstag. Auf dem ersten Foto pustet sie gerade drei Kerzen aus. Die Geschenke werden ausgepackt, sobald Oma und Opa da sind. Dann dürfen Mamas 800 Instagram-Freunde sich über mehr Bilder von Susas großem Tag freuen.

Kinderfotos: Mit einem Klick sind sie im Netz

Elternwerden und -sein ist aufregend. Und was aufregend ist, will auch geteilt werden. Von der Geburt über die tapsigen Krabbelversuche zum ersten Sandkasten Date – Kinderfotos sind fast so beliebt wie Katzencontent.

Wenn Eltern Fotos und Videos ihrer Kinder auf Instagram, Facebook oder YouTube teilen, nennt man das Sharenting. Susas Mutter ist also kein Einzelfall, sondern in bester Gesellschaft. Eine Studie von  Children’s Commisioner schätzt, dass Eltern bis zum 13. Lebensjahr jährlich 71 Fotos und 29 Videos ihrer Kinder veröffentlichen. Das führt dazu, dass mittlerweile 90 % der Unter-Zwei-Jährigen online präsent sind. Manche Kinder sogar schon vor ihrer Geburt. Während sich Bekannte und Großeltern über die Ultraschallbilder freuen, erhalten die Kids eine digitale Identität, noch bevor sie einen Namen haben.

Klingt verrückt? Irgendwie schon. Gleichzeitig ist das Sharenting der meisten Eltern unglaublich unschuldig. Viele sind einfach nur stolz und glücklich und wollen das mit ihrer Familie teilen. Vor allem, wenn diese Stunden entfernt lebt, ist es einfach, schöne Momente online zu posten.

Manche suchen Rat. Sie haben online vielleicht eine Community gefunden, mit der sie sich gut über Probleme austauschen können. Wieder andere haben einen großen Mitteilungsdrang, wollen etwas angeben oder ihre Kinder vermarkten. Manche posten Bilder aus ihrem Alltag. Da gehören die Kinder natürlich mit drauf. Das Problem ist nur: Jeder Mensch hat ein Recht am Bild. Das heißt, bevor ein Bild veröffentlicht wird, muss die abgebildete Person dieser Veröffentlichung zustimmen. Dieses Recht gilt auch für Kinder.

Eine Studie des Deutschen Kinderhilfswerks hat jedoch gezeigt, dass nur 31 % die eigenen Kinder fragten, bevor sie Kinderfotos veröffentlichten.  34 % Prozent der befragten Eltern fragten ihre Kinder überhaupt nicht und 30 % informierten die eigenen Kinder darüber, dass sie Bilder von ohne posteten.

Ist Sharenting gefährlich?

Die „kleinste“ Gefahr ist, dass sich die Kinder später für die Bilder schämen. Egal ob das Spielen im Matsch oder ein in voller Länge dokumentierter Wutanfall – diese Bilder lassen sich schwer bis gar nicht aus dem Netz löschen. Gerade als Teenie wird sowas dann peinlich.

Was viele Eltern nicht bedenken, Fremde können die Bilder nutzen, um die Kinder später damit zu mobben. Dazu muss nicht einmal das Bild selbst peinlich sein. Es kann im Nachhinein leicht verfälscht werden.

Einmal veröffentlicht, kann jeder das Bild teilen. 2017 konnten viele Mütter das am eigenen Leib spüren. Anonyme sammelten auf einer Facebook-Seite Bilder von Kindern mit dem selbsterklärten Ziel Eltern übers Sharenting aufzuklären. Viele Eltern waren allerdings wütend, die Bilder ihrer Kinder auf der Seite zu sehen. Da die Eltern die Fotos selbst veröffentlicht hatten, war das erneute Teilen jedoch nicht verboten. So sind trotz Proteste vieler Eltern weiterhin Seiten online, die veröffentlichte Kinderfotos erneut teilen.

Ein anderes Phänomen ist das digitale Kidnapping. Dabei sammeln Menschen die Fotos fremder Kinder und veröffentlichen diese neu. Sie geben die Kinder mit neuem Namen und neuer Identität als ihre eigenen aus oder schlüpfen beim digitalen Roleplay selbst in die Rolle des Kindes. 

Die Spitze erreicht der Schrecken für Familien dann, wenn Fotos in pädophilen Kreisen auftauchen. 2015 fanden australische Ermittler eine solche Seite. Die Hälfte des Materials bestand aus Fotos, die Familien auf Blogs oder anderen Plattformen zuvor selbst geteilt hatten.

To sharent or not to sharent?

Viele Eltern sehen dennoch keine reale Gefahr für ihre Kinder. Entweder weil sie glauben, keine peinlichen Fotos zu teilen oder sich sicher sind, dass die eigenen Kinder diese später nicht schlimm finden werden. 

Aber können sie das wirklich vorher wissen? Denn viele vergessen, dass sie den digitalen Fußabdruck und die Identität ihrer Kinder maßgeblich mitgestalten. Jobsuche, Partnerwahl, Hobbies, Freunde finden – das Internet ist und bleibt wichtig.

Für die spätere Chefin ist dann gut dokumentiert, dass die Kandidatin bis zum 12. Lebensjahr Wutprobleme hatte. Oder sie wird beim Date auf den Sprachfehler angesprochen, den sie mal hatte. Das sind alles keine schlimmen Details. Aber vielleicht welche, die man nicht mit fremden Menschen teilen will.

Und hier liegt doch das eigentliche Problem: Wollen Kinder, dass ihre schönsten, aber auch peinlichsten Momente öffentlich zu sehen sind? Oder wollen sie selbst entscheiden, wie viel sie von sich preisgeben?

Pauschal ist das schwer zu beantworten. Deswegen raten Experten auch nicht kategorisch davon ab, Kinderfotos auf Social Media zu teilen. Kinder gehören zu unserem Leben und sollten deswegen auch digital präsent sein.

Das Deutsche Kinderhilfswerk hat sechs Tipps veröffentlicht, die beim Umgang mit Kinderfotos helfen sollen: 

1. Das Kind miteinbeziehen

Eltern sollten mit ihren Kindern offen über die Nutzung von Bildern sprechen und sich für jedes Bild eine Erlaubnis einholen. Gleichzeitig weist das Deutsche Kinderhilfswerk darauf hin, dass Kinder noch nicht verstehen, was es bedeutet, etwas im Internet zu teilen und ob sie dies in ein paar Jahren noch gut finden.

2. Keine personenbezogenen Daten im Zusammenhang mit dem Foto weitergeben

Damit das Foto später schwerer gefunden wird, sollte niemals der vollständige Name veröffentlicht werden. Auch Fotos, die einen Ort in der näheren Umgebung darstellen, sollten nicht gepostet werden.

3. Regelmäßig die Sicherheits- bzw. Privatsphäre-Einstellungen in Sozialen Online-Netzwerken kontrollieren

Die Plattformen aktualisieren oft ihre Sicherheitseinstellungen. Daher ist es sinnvoll, diese nicht nur einmal anzupassen, sondern regelmäßig zu kontrollieren.

4. Keine peinlichen, unangenehmen oder unangemessenen Situationen posten

Was Eltern witzig finden, kann Kindern später peinlich sein. Deswegen rät das Kinderhilfswerk davon ab, lächerliche oder peinliche Situationen zu posten.

5. Nach Möglichkeit nicht das Gesicht des Kindes zeigen

Es gibt viele Möglichkeiten, Fotos zu posten, ohne die Rechte von Kindern zu verletzen. Zum Beispiel können sie das Gesicht verpixeln, die Kinder von hinten fotografieren oder Detailaufnahmen von den Händen oder Füßen machen. Hauptsache das Gesicht ist nicht erkennbar. 

6. Vorbildfunktion wahrnehmen. 

Kinder müssen einen verantwortungsbewussten Umgang mit sozialen Medien lernen.  Warum also nicht früh starten? Wenn Eltern bewusst mit den Daten ihrer Kinder umgehen, ist die Chance höher, dass diese das später auch tun.

Digitales Kidnapping, Mobbing, Roleplay – das sind alles extreme Beispiele. Klar ist, nicht jedes Kind wird Opfer eines Verbrechens, nur weil seine Eltern Fotos veröffentlicht haben und auch nicht jedes Kind wird sich später für diese Bilder schämen.

Aber klar ist auch, dass wir das vorher nicht wissen. Es ist also gut möglich, dass ein Kind im Schulalter unter den Planschbecken-Fotos leidet. Deswegen ist es wohl ein guter Grundsatz, die Risiken so gering wie möglich zu halten. Und die Bilder nur mit Menschen zu teilen, die man auch wirklich kennt.   

Foto: Natasha Remarchuk

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