Adventskalender  - Türchen Nr. 6

Adventskalender - Türchen Nr. 6

Hinter Türchen Nr. 6 versteckt sich eine kleine persönliche Geschichte von mir. Habt alle einen zauberhaften Nikolaustag! Nascht Plätzchen und Mandarinen, trinkt Kakao mit Zimt und kuschelt euch vor den Kamin mit einem guten Buch. 

Das Lebkuchenhaus

Es gibt ein paar Tage im Jahr, die sind für Kinder eine Spur magischer als für uns Erwachsene. Bis heute sind für mich St. Martin oder auch der Nikolaustag besondere Tage. Gar zauberhafte Tage, möchte ich sagen. 

Eine Nikolausnacht blieb mir besonders in Erinnerung. Ich glaube, es muss im Jahr 1993 gewesen sein.

Fein säuberlich stellte ich mein größtes paar Stiefel vor die Türe meines Kinderzimmers. Ich putze bis heute nur ein mal im Jahr meine Schuhe und das ist wohl wirklich am fünften Dezember, einen Tag vor Nikolaus.

Ich lockerte die Schnürsenkel meiner frisch geputzten Stiefel, sodass der Nikolaus auch wirklich alle Geschenke irgendwie in die Stiefel verstauen kann. Es brauchte ewig bis ich die Stiefel richtig ausgerichtet hatte. Ein bisschen weiter nach links, ein Stückchen weiter nach rechts und irgendwann standen sie für mich perfekt da. 

Ich nahm mir vor dieses Jahr nun wirklich nicht einzuschlafen und die ganze Nacht wach zu bleiben. Ein mal, nur ein mal möchte ich den Nikolaus sehen. Mit seinem roten langen prachtvollen Mantel, seiner Bischofsmütze, dem weißen Bart und dem Stab in der Hand. Ich hatte doch so viele Fragen an ihn. Wie er das machte, in der Nacht mit den Geschenken und dass die Kinder bei seinem Besuch nicht aufwachten. Wie kam er überhaupt in die ganzen Häuser? Wo wusste er wo die Kinder schlafen?

Mir war bewusst, dass Mama und Papa mit ihm unter einer Decke stecken musste, umso mehr fragte ich mich, warum mir meine Eltern nicht erklärten wie das alles funktionierte. 

Es blieb mir ein Rätsel. Ein wunderschönes Rätsel. 

Ich liebe Geschichten und Märchen. Kindern denen man erzählt, dass Waldkobolde von Wurzelstock zu Wurzelstock hüpfen, fliegende Teppiche, Meerjungfrauen, sprechende Tiere. Ich habe noch so viele wunderbare Erinnerungen von erzählten Geschichten in meinem Kopf, die mir so lebhaft erscheinen, dass ich mir fast sicher bin, dass ich diese Abenteuer wirklich erlebt habe. Ja, ganz sicher! Ich bin wirklich mal als kleines Mädchen durch unser Wohnzimmer geflogen und es hat sich fantastisch angefühlt! Ich bin mit einem Dinosaurier in Urlaub gefahren und habe einen Schatz bei uns im Garten gefunden. 

Da lag ich nun. In meinem Bett. Eingekuschelt in meine König der Löwen Bettwäsche. Paddy und Angelo Kelly in XXL-Format in Sichtweite vor mir an der Wand. Die Türe einen Spalt weit geöffnet, sodass ich vom Wohnzimmer das Flackern des Fernsehers wahrnehmen konnte. Es war perfekt. So konnte ich den Herrn Nikolaus wirklich abpassen.

Ich zählte, um nicht einzuschlafen und schob mir heimlich das von Mama geklaute Lakritz nach und nach in den Mund, weil Mama mir mal erzählt hat, dass man davon länger wach bleiben kann. Ich schob das Lakritz von einer Backe in die andere um es danach mit meinen Backenzähnen zusammenzuquetschen, sodass die Zähne fest drin stecken blieben und man erst den Kiefer hin und her wackeln musste, um sie aus den Fängen des Lakritzmonsters zu befreien. 

Es half nichts. Ich schlief ein. Tief und fest und ich hörte den Nikolaus wieder nicht anreisen. 

Plötzlich wurde ich wach. Ich erinnerte mich an mein Vorhaben und riss sofort die müden Augen weit auf. Das kühle flackernde Licht vom Fernseher war verschwunden, dennoch blitze eine helle warme Lichtquelle durch den Türspalt hinein. Vorsichtig streckte ich meine kleinen Füße aus dem Bett und tapste mit angehaltener Luft zur Türe um durch den Türspalt zu schauen. 

Ein Citrusduft stieg mir sofort in die Nase. Meine Stiefel quollen über vor Walnüssen und Mandarinen. Ein Schokoladennikolaus stand in voller Pracht daneben und gleich daneben leuchtete ein Lebkuchenhaus. Eine Lampe aus Porzellan, verziert mit Zuckerstangen, Mandeln und Brezeln. Auf dem Dach lag eine dicke Schicht Zuckergussschnee. Es sah aus wie das Hexenhaus von Hänsel und Gretel. Es war das Hexenhaus von Hänsel und Gretel. Es war wunderschön. Ich war sofort verzaubert. 

Behutsam setzte ich mich zum Lebkuchenhaus und blickte hinein. Tanzte dort der Nussknacker mit einer Maus unter dem Tannenbaum? 

Eine Türe knarzte, meine Mutter kam herein und sah mich auf dem Boden vor meinem Kinderzimmer sitzen. Sie fragte ganz verwundert, ob der Nikolaus schon vorbeigekommen wäre. Sie nahm mich auf den Arm und trug mich zurück ins Bett, es war noch viel zu früh oder viel zu spät um den Inhalt des Stiefels und das Häuschen zu begutachten. 

Das Lebkuchenhaus aus Porzellan besitze ich noch immer. Es diente mir früher 365 Tage im Jahr als Nachttischlampe und steht jetzt in unserem Flur im Haus. Nachts passieren in ihm magische Dinge. Ich bin mir ganz sicher. 

 

 

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