Adventskalender - Türchen Nr. 12

Adventskalender - Türchen Nr. 12

Emy entdeckt ein Geheimnis 

An einem kühlen Sommerabend dreht Emy ihre letzte Runde im See bevor sie sich zu ihrem Schlafplatz im flachen Wasser am Ufer begibt. Emy ist die kleine Sumpfschildkröte, die hier im See wohnt. Die Luft ist kühler geworden und die Bäume um den See herum haben sich bunt verfärbt: rot, gelb und braun. Es wird Herbst.

Emy schwimmt auf das Ufer zu und als sie immer näher kommt, entdeckt sie plötzlich einen hohen Baumstamm, so hoch, dass sie gar nicht bis zur Krone schauen kann. Doch die Krone interessiert Emy auch gar nicht. Sie hat etwas anderes entdeckt, was sie noch nie zuvor gesehen hat.

Emy überlegt: „Was ist denn das? Der Stamm sieht komisch aus. Da fehlt ja die Rinde.“

Sie schwimmt immer näher heran. Schließlich erreicht Emy das Ufer. „Oi!“, ruft sie erstaunt. Jetzt, wo sie ganz nah dran ist, erkennt sie: „Da sind ja Spuren von Zähnen an dem Stamm!“ Emy sieht, wie unten am Fuße des Stammes kleine Holz-Chips auf dem Boden liegen.

Emy ist sehr verwundert: „Das werde ich wohl nie herausfinden.“ Enttäuscht macht sie sich auf den Weg zu ihrem Schlafplatz. „Schade“, denkt Emy, „wenn ich doch nur jemanden treffen würde, den ich fragen könnte!“ Doch es ist weit und breit niemand in Sicht.

Langsam bricht die Dämmerung herein. Plötzlich! Da! Ein Rascheln! Emy schaut sich um, doch sie kann nichts erkennen. Das Geräusch kam ganz aus der Richtung, wo sie gerade schon einmal war. Emy weiß, dass es schon spät ist und sie nach Hause muss. Aber jetzt ist sie so neugierig geworden, dass sie unbedingt noch einmal bei dem Baum nachschauen möchte und paddelt eifrig los.

Als sie dem Ufer näher kommt, traut sie ihren Augen kaum! Sie sieht ein großes Tier, dass sich mit seinen Vorderbeinen an den Baum stützt. Es sieht aus, als würde das Tier daran nagen! Emy bekommt Angst, denn das unbekannte Wesen ist viel größer als sie. Fasziniert sieht sie aus sicherer Entfernung zu.

Da plötzlich, dreht sich das Tier um und sieht sie musternd von der Seite an. Eine Sekunde lang stockt Emy der Atem, denn das Tier hat riesige Schneidezähne. „Wird er mich jetzt fressen?“, denkt Emy und will schnell ins Wasser zurück. Doch in dem Moment ruft das unbekannte Tier: „Was ist los? Warum schaust du mich denn so an?“

Emy zögert und nimmt all ihren Mut zusammen: „Ich bin Emy, ich wohne hier im See, aber ich habe noch nie jemanden gesehen, der Bäume frisst.“

„Doch, natürlich!“, antwortet das unbekannte Tier. „Ich bin ein Biber, ich nage an dem Baum solange, bis er an dieser Stelle ganz dünn ist und umfällt.“

Bild: Steve Raubenstine

„Ein Biber?“, denkt sich Emy. Das hat sie noch nie gehört. „Wie heißt du denn und warum fällst du die Bäume?“, fragt Emy weiter.

„Ich heiße Bruno. Ich muss hin und wieder Bäume fällen, damit ich die Rinde, Zweige und Blätter davon fressen und einen Biberdamm bauen kann.“

„Einen Biber-was?“, fragt Emy neugierig.

„Einen Biberdamm!“, sagt Bruno. „Ein Biberdamm sieht aus wie eine Wand aus Ästen und Zweigen, die ich baue, um das Wasser anzustauen. Dadurch ist der Eingang zu meinem Bau immer unter Wasser und geschützt vor Feinden.“

„Oh! Kann ich dir helfen?“, fragt Emy. Sie findet es wahnsinnig aufregend einen Baum zu fällen.

„Hast du denn scharfe Schneidezähne, so dass du nagen kannst?“, fragt Bruno.

„Nein“, sagt Emy enttäuscht und schaut Bruno traurig an. Wie gern hätte sie mit ihm zusammen einen Baum gefällt!

„Es ist nicht schlimm, dass du keine Schneidezähne hast“, sagt Bruno tröstend. „Jeder, der hier im See lebt und auch alle anderen Wesen auf der Erde, sehen unterschiedlich aus, je nachdem, was sie zum Leben brauchen.“

„Das verstehe ich nicht“, sagt Emy und schaut Bruno fragend an.

„Naja, ich brauche scharfe Schneidezähne, damit ich Bäume fällen kann“, sagt Bruno. „Aber du, Emy, brauchst keine Schneidezähne. Dafür hast du einen Schildkrötenpanzer, in den du dich jederzeit zurückziehen kannst und der dich schützt, wenn Gefahr droht.“

Emy denkt über Brunos Worte nach. „Es ist also gar nicht schlimm, dass ich ganz anders aussehe als du und nicht dieselben Dinge kann“, sagt sie schließlich.

„Genau“, antwortet Bruno. „Es ist sogar gut so, dass jeder anders aussieht und jeder etwas anderes kann. Das macht unsere Welt so bunt.“

Emy lächelt. „Heute war ein schöner Tag“, denkt sie. „Ich habe einen neuen Freund gefunden und weiß jetzt, dass ich genau so richtig bin, wie ich bin.“

Wollt ihr wissen, wo Emy und Bruno leben? Dann besucht das Pfrunger-Burgweiler Ried!

Autorin: Katrin Heilig 

Katrin versorgt unsere Leser regelmäßig mit Wissen, Spielen und Geschichten rund um die Themen Umwelt- und Naturpädagogik. Ursprünglich stammt sie aus dem Bereich der Produktentwicklung. Getrieben von dem Wunsch noch mal etwas Neues in ihrem Leben zu beginnen, widmet sie sich nun den Themen Nachhaltigkeit, Natur, Umwelt und der Pädagogik intensiver und macht eine Ausbildung zur Naturpädagogin. Fanpost, Lobeshymnen und Liebesbriefe gehen an katrin@tinyhazel.shop

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